> Pressespiegel > Bericht: Südkurier 23. Dezember 2002
 

Umzug mit Leiterwagen

Erinnerungen einer Frau aus dem "Fritzagschlecht"

Ich bin in Buchheim geboren, wir, meine Eltern Ernst und Maria Fritz und meine zwei anderen Geschwister Paula und Rosa, sind ein altes Fritzagschlecht. So sagt man in Buchheim zu den Familien der Fritz. Beide trieben dort einen kleinen Hof um." An ihre Jugendtage erinnert sich die seit 50 Jahren in Meßkirch lebende Irmgard Strobel, geborene Fritz.

"Im Sommer 1931 haben meine Eltern ihren Bauernhof in Buchheim verkauft und dafür in Walbertsweiler bei Meßkirch einen neuen. Noch im Sommer sind wir mit Sack und Pack nach Walbertsweiler gezogen. Ich war sechs Jahre alt, meine zweite Schwester acht Jahre und die älteste zehn Jahre. Wenn mein Vater zurückdachte, sagte er immer, auf dem Heuberg gab's viel Steine und wenig Brot. In Walbertsweiler angekommen, zogen wir in unser neues Haus, es war das zweitletzte Haus am Ortsausgang nach Rast. Eigentlich war es das letzte, denn das nächste Bauernhaus lag weiter weg als in Rufnähe. Es wurde dann mein zweites Elternhaus.

Der Umzug war für uns drei Mädels ein Erlebnis wie die Fahrt in ein fremdes Land. Mehrere Leiterwagen waren aneinandergebunden. Der letzte war voll gepackt mit Möbel und Betten. Daran hing noch ein mit Schweinen, Hühnern und Katzen gefüllter Anhänger. An ihm angebunden waren unsere vier Kühe. Unsere Mutter und wir Kinder saßen auf dem vorderen Leiterwagen. Der Vater hatte die Pferde im Zügel. Als wir nach langer Fahrt die ersten Häuser von Walbertsweiler erblickten, waren wir froh. Es ging durch die Heidengasse hinein ins Dorf. Hüben wie drüben glotzten uns die Nachbarn an. Sie meinten alle: "Jetzt kommen die Zigeuner". Meine Mutter hatte kohlrabenschwarze Haare und war braungebrannt im Gesicht. Der Walbertsweiler Altbürgermeister Steier sagte dann auch: "Hoffentlich sind es keine Zigeuner."

Das "Mohrle", es ist die Katze, die meine Mutter auf dem Bild in den Händen trägt, der hat es anfangs gar nicht auf dem neuen Hof gefallen. Über Nacht war sie weg. Dann haben wir erfahren, dass sie wieder in Buchheim ist. Aber vier Wochen später war das Kätzle plötzlich wieder bei uns in Walbertsweiler.

Es war nicht so einfach, bis alles in unserem neuen Bauernhaus unter Dach und Fach war. Auch auf dem Feld sah es schlecht aus. Es gab mehr Disteln als Getreide. Wir Kinder mussten mit der Stoffschere auf dem Acker die Distelköpfe abschneiden. Jeden Tag gab es etwas anderes zu tun. Auf dem Hof gab es kein Leitungswasser. Das Wasser für die Familie und die Tiere musste von uns Kindern aus einem Pumpbrunnen geschöpft und mit 

Die Eltern Ernst und Maria Fritz und das Kätzle "Mohrle" vor dem Walbertsweiler Bauernhaus.

Eimern in die Küche getragen werden. Der Brunnen war 30 Meter tief. Hinter dem Haus war alles verwildert. Meterhoch stand der Schachtelhalm zwischen den Obstbäumen. Schnell war der Sommer vorbei und es war Herbst geworden. Ich als Jüngste musste jeden Tag mit den Kühen auf die Weide zum Hüten. Eines Tages kam von der anderen Seite der Wiese eine Frau vom Ort mit ihren Kühen zum Hüten. Sie war die Tochter vom großen Locherhof. Man sagte halt "die Locher Anna". Sie hatte noch weitere Vornamen. Anna, Maria, Franziska, Salesia. Sie war eine Altledige, aber nicht dumm. So waren wir beide dann den ganzen Herbst hindurch jeden Tag auf der Wiese und hüteten unsere Kühe.

Einmal hatte ich den Schulerranzen dabei. Die Anna schaute, was ich als Hausaufgaben auf hatte. Es war ein Aufsatz. Der hieß: "Mein Elternhaus!" Ich wusste im Moment nicht, was ich schreiben sollte. Die Anna hat's mir dann geschrieben. "Mein Elternhaus liegt etwas abseits, weg vom großen Verkehr der Landstraße. Es umgibt uns eine hoimelige Stille, gerade wie wenn der Friede darin geboren wäre." Plötzlich sagte sie, jetzt kommt mir ein Sprüchlein in den Sinn: "Rotbackige Äpfel lachen vom Baum, muntere Vögel singen vom Zaun, der Herbst ist im Land, der reife G'sell bringt Blumen und Früchte hurtig und schnell." Anderntags in der Schule hatte ich den schönsten Aufsatz und bekam dafür vom Lehrer auch eine Eins. So gingen die Jahre vorbei. Jetzt bin ich alt und die Kindheit hat man trotzdem nicht vergessen."


 
 

Irmgard Strobel, Südkurier Meßkirch, 23.12.2002

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