> Pressespiegel > Bericht: Südkurier 03. Januar 2004
 

Ein Spiel aus dem Dunkel der Geschichte

Paschen beim Förderverein "Dorfgemeinschaftshaus Walbertsweiler"

Walbertsweiler (fah) Solange es in Walbertsweiler Wirtshäuser gab, wurde dort an Silvester und am Neujahrsmorgen um süße Ringe gewürfelt. Wer konnte, traf sich in geselliger Runde zum Paschen in der "Krone" und im "Sternen" zum Auswürfeln von süßen Kränzen. Das Glücksspiel bei geringem Einsatz hat auch heute noch nach dem Verschwinden der gastlichen Häuser aus dem Ortsbild vor 15 Jahren seinen Reiz nicht verloren.

Spiel und Spaß beim Paschen findet seither in kirchlichen oder gemeindeeigenen Häusern statt. An die Stelle der Wirte sind nun die Vereine als Veranstalter getreten. Dieses Mal war es der Förderverein "Dorfgemeinschaftshaus Walbertsweiler". Am Silvesternachmittag füllte sich der Saal des Pfarrheims mit erwartungsfrohen Spielern, Männer und Frauen, Klein und Groß. Schnell fanden sich die Teilnehmer für die Runden um das einfache Spiel mit drei Würfeln aus dem Lederbecher um jede Menge bereitgestellter Zopfkränze.

Als Puschen kommt das Spiel aus dem Dunkel der Geschichte. So nannten es die alten Römer. Die Griechen, die das Spiel immer noch mit großer Leidenschaft spielen, brachten es nach Rom und von da nahm es seinen unaufhaltsamen Lauf entlang der Römerstraßen des fast ganz Europa umfassenden römischen Reiches. An einer der alten Durchzugsstraßen liegt der Ort Walbertsweiler. Das wohl berüchtigste Würfelspiel der Menschheitsgeschichte fand auf dem Kalvarienberg von Jerusalem statt. Nach der Kreuzigung Jesu würfelten römische Legionäre nach der dritten Stunde um das Gewand Jesu und verteilten es unter sich. Den Ruch des Bösen hat es längst verloren. Weshalb das Würfelspiel zum Jahresende gerade in Walbertsweiler Tradition hat, wird wohl kaum mehr zu erhellen sein und Teil unbekannter Ortsgeschichte bleiben.

Das "Paschen", ein Würfelspiel um süße Neujahrsringe wird als alter Brauch in Walbertsweiler jedes Jahr an Silvester von Jung und Alt mit Leidenschaft gehegt und gepflegt. fah/Bild:Hahn

Als spannungsvoller wie unterhaltsamer Brauch wird das Paschen in weiten Teilen Süddeutschlands seit dem späten Mittelalter gespielt. Der Überlieferung nach trafen sich an Silvester Männer und Frauen beim Würfelspiel, wo sie auf Gemeindekosten einen Trunk erhielten.

Von Beschwörungsworten wird seither mit mehr oder weniger geschickt drehender Hand der mit drei Würfeln gefüllte becherförmige Lederbehälter auf eine Tischplatte gestülpt. Gebannte Blicke der Mitspielenden fallen nach einem spannungsvollen Augenblick des abwartenden Hebens des Bechers auf die zu Tage kommende Augenzahl. Blitzschnelles von Schadenfreude oder Ärgernis begleitendes Kopfrechnen trifft den Spieler. Glück im Spiel gehabt oder Zahlen des Spielgeldes sind ein Augenblick. Weiter wandert der Becher zum Nächsten, Runde um Runde wird die Geldsumme zusammengespielt. Ist genug Kleingeld in der Kasse, geht es ums Eingemachte, um die süßen Kranzringe. Der Frühstückstisch am Kaffeetisch am Neujahrsmorgen erinnerte dann an einen schönen letzten Jahrestag.

 


 
 

Falco Hahn, Südkurier Pfullendorf, 03.01.2004

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