> Pressespiegel > Bericht: Südkurier 11. Februar 2004
 

Alle waren bescheidener

 Das Leben in Walbertsweiler vor 50 Jahren

Walbertsweiler (fah) Wie gut war sie, die Zeit vor 50 Jahren in Walbertsweiler und der Umgebung? Zurückgeworfen von Krieg und noch größerer Bescheidenheit als gewohnt, verharrte das Dorf und mit ihm das Umland, beide blickten nach dem Abzug der Franzosen und der glücklichen Währungsreform gerade mit kleinen Hoffnungen in die fünfziger Jahre. Dank guter Erlöse aus Verkäufen von Vieh und Getreide, zog alsbald finanzielle Sicherheit und Wohlhabenheit in die Höfe ein. Es setzte ein wahrer Kaufrausch nach Traktoren und Anbaugeräten ein. Beim schnellen dabei sein in der radikalen Modernisierungswelle verhob sich so mancher Bauer. Der Mansholt-Plan zur Entwicklung des ländlichen Raums (Mansholt war EU-Kommissar für Landwirtschaft von 1958 bis 1972) machte alsbald den kleinen Höfen das Leben schwer. Die Landflucht begann, mehr und mehr Höfe hatten keine Chance mehr zum Überleben. Es war der Beginn einer Entwicklung, die die alten Landwirtschaftsstrukturen stark veränderte und gar zerstörte.

Außer Handels-Vertretern verirrte sich kaum ein Fremder hierher. Die von Obstbäumen gesäumten Straßen waren schmal und kurvenreich und führten eigentlich nur von Dorf zu Dorf. Dass die dörfliche Welt ein Ruhepol war, erfuhr man besonders an den Sonntagen. Kein Mensch war auf den Straßen zu sehen und wenn, dann war es während des Heuet und zur Erntezeit im Herbst. Hatte an einem heißen Sonntag Radio Beromünster Schlechtwetter für die neue Woche angekündigt, dann ging einer von den Pfarrgemeinderäten am Sonntagmorgen zum Pfarrer und bewog diesen dazu, dass der nach der Predigt von der Kanzel noch die Aufhebung der Sonntagsruhe verkündete.

Kaum zu Hause und aus den Sonntagskleidern heraus, schon wurde der Leiterwagen angespannt und mit der ganzen Bauernfamilie wurde auf die vor dem Ort liegenden Wiesen hinausgefahren. Das schon Tage vorher getrocknete und in Reihen oder lockeren Haufen liegende, herrlich duftende Heu wurde auf den von Kühen oder vom gerade neu gekauften Traktor gezogenen Wagen im langsamen Vorbeifahren mit Gabeln von Hand aufgeladen. Gleichzeitig wurde mit großen Handrechen verstreut übrig gebliebenes Heu fein säuberlich zusammengerecht und ebenfalls aufgeladen, denn alles war kostbar.

Den verlorenen Krieg mit dem herben Verlust von Bauernsöhnen und immensen Belastungen durch die französische Besatzung, den zugewiesenen Flüchtlingen aus den Ostgebieten, alles hatte man getragen, das Leben auf dem Hof duldete keinen Aufschub. Räumlich endete das Dorf

Walbertsweiler vor vielen Jahrzehnten, als es noch zu Hohenzollern gehörte. Geruhsam ging es damals im Dorf zu. Rechts auf unserer Postkarte das Gasthaus "Krone".
Repro: Hahn

an den Ortschildern mit dem Zusatz "Regierungsbezirk Hohenzollern". Innerhalb dieser Grenzen drehte sich alles um sich selbst, auswärts ging es nur zur Brautsuche und auf den Markt nach Meßkirch oder Pfullendorf.

Walbertsweiler unterschied sich da nicht von anderen Orten. Doch es hatte schon einen eigenen Fußballverein, den 1.FCW. Mit der Mannschaft kamen ihre Anhänger Sonntags an den See bis nach Überlingen, Bodman oder nach Hagnau und Meersburg.

Das erste Haus am Platze war die "Krone", das zweite der "Sternen", beide lagen im Oberdorf. Die Betonung liegt auf "war". Beide Häuser wie auch die Bauernhöfe gibt es nicht mehr, die Wirtshäuser sind seit fast 20 Jahren geschlossen. Einen einzigen Hof gibt es noch. Und der nur, weil sein Besitzer als unbeugsam gilt. Bei´s "Rote", einem alten Walbertsweiler Übernamengeschlecht war es schon immer anders als in anderen Häusern. Seit mehr als dreihundert Jahren trotzt die Familie allen Stürmen.

Die Kronenwirtin führte ein großes Haus, mit guter Küche. Oben war ein weitläufiger Saal zum Ausrichten von Hochzeiten und Fasnachtsbällen mit der Bar "Siebter Himmel", es gab Tanzabende, Theateraufführungen und Kinovorführungen. Zum Haus gehörte auch ein Kaufladen. "Gasthaus zur Krone - Manufaktur - Kurz- und Kolonialwaren" kündeten Lettern vom größten Haus im Dorf herunter. Kinder gingen nie ohne das obligatorische Gutsle aus dem Laden.

Die Bräute, die an ihrem Hochzeitstag oben im Saal beim ausladenden Festmahl saßen und sich vom ganzen Kirchspiel beglückwünschen ließen, hatten schon Wochen vorher hier unten ihre Aussteuer und das Brautkleid gekauft. Die geschäftstüchtige Wirtin, Tochter aus einer guten wie kinderfreundlichen Weihwanger Bauernfamilie, handelte und vertrieb dazu noch das zu Bettmatratzen verwendete Seegras aus den Wäldern von Walbertsweiler.


 
 

Falko Hahn, Südkurier Pfullendorf, 11.02.2004

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