> Pressespiegel > Bericht: Südkurier 28. August 2008
 

Ein Leben mit großer Familie in Notzeiten

Maria Hermann aus Wald wird 93 Jahre alt

Wald - Mit zarten zehn Jahren musste Maria Hermann aus Wald mit ansehen, wie sich das Haushaltsgeld durch die Hyperinflation von 1923 von heute auf morgen vermillionenfachte. Die Mutter von fünf Söhnen und drei Töchtern zählt zu den vielen Deutschen, die zwei Weltkriege ausbadeten. Zu der Inflation von 1923 kam sechs Jahre später die Weltwirtschaftskrise, die dann von der Weltkriegs-Katastrophe Nummer zwei abgelöst wurde. Monate, bevor sich das Kaiserreich mit der Kriegserklärung selbst in den Abgrund riss, wurde am 13. Januar 1914 in Walbertsweiler Maria Zwick geboren. Bald darauf marschieren 84 junge Männer aus ihrem Dorf in den Krieg, 17 sterben im Namen des Kaisers den Heldentod. Die Tochter des beamteten königlich-preußischen Straßenwarts Richard Zwick und seiner Frau Katharina wird noch rechtzeitig erfahren, was auch Millionen anderen nicht erspart blieb, das große Elend.

Bis zu ihrer Einschulung dreht sich bei Zwicks alles um die große Familie und den kleinen Bauernhof. Der Vater ist als Straßenwart zuständig für die Schotterstraße von Wald bis zu den Grenzstöcken an der badisch- hohenzollerischen Landesgrenze bei Meßkirch. Maria ist oft mit ihrem Vater unterwegs. Seine Arbeit prägt das Mädchen bis zum Erwachsenwerden. Dann wenn sie dem Vater zuschaut, wie der die meterbreiten Grasstreifen an der fünf Kilometer langen Chaussee ausmäht. Im Winter darf das Mädchen auf dem von sechs Rössern gezogenen Bahnschlitten mitfahren, einem schweren dreieckigen hölzernen Schneeräumgerät. In den anderen Jahreszeiten hat der Vater die Krümmung der vier Meter breiten Straße im Auge, füllt ausgefahrene Radspuren und Löcher mit Kies.

Maria ist dabei, wenn er mit einem Rasenbeil die seitlichen Wasserableiter aushackt, so kann das Regenwasser in die Straßengräben abfließen. In der Herbstreife hat der Straßenmeister die Chausseebäume gezeichnet und das Obst versteigert. Jeder Straßenwart durfte sich an seiner Strecke die prächtigsten Obstbäume aussuchen. Aus dem Obst wurde das Hausgetränk der Zeit gemacht, der Most. "Jedes Jahr", erzählt Maria Hermann, "wurde bei uns soviel Obst geerntet, um alle sechs Mostfässer voll werden zu lassen." Solange die Randstreifen, die "Wiesen des Straßenwarts" grünten, bedeutete dies bei Zwicks, eine Kuh mehr im Stall zu haben.

Maria Hermann (93) aus Wald.
Bild: Hahn

Mit dem Eintritt in die Volksschule wurde die Welt der kleinen Maria größer. Jetzt hatte sie endlich Freundinnen. Die Walbertsweiler Volksschule hatte ein Klassenzimmer, in der ein Lehrer alle Dorfkinder unterrichtete, zu Marias Zeit waren es 88. Der Lehrer war streng, aber gerecht, Tatzen teilte der Pfarrer, wie damals üblich, mit der Rute aus.

Die große Notzeit traf die Schülerin dann in der sechsten Klasse, als sie sich bei zwei Bauern verdingen musste. Es folgte die Nähschule und eine Anstellung als Mädchen für alle Dienste auf dem "Kochhof" und im "Löwen" in Wald. Dort lernte sie ihren Mann kennen, den Walder Bierbrauer Peter Hermann. Mit 24 Jahren trug sie einen neuen Familiennamen, sie heiratete nach Wald. In den nächsten drei Jahren gebar sie die Söhne Peter und Richard und die Tochter Ingrid. Mit dem weiteren Kinderwunsch war es schnell vorbei, als ihr Mann zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Als der 1945 in Österreich Gestrandete sich schon in Wald wähnte, brachte man ihn per Zug nach Russland ins Lager.

Auch die Familie hatte in den Kriegs- und Nachkriegzeiten wenig zu lachen. Schmalhans war Küchenmeister. Mit dem Halten von Stallhasen kam die Familie durch die Zeit. Mit der glücklichen Heimkehr des Ehemanns aus dem Krieg wuchs die Familie dann um fünf weitere Kinder an, zwei Mädchen und drei Söhne wurden geboren. Beim siebten Kind übernahm Bundespräsident Theodor Heuß die Ehrenpatenschaft mit Urkunde, und es gab 30 Mark Muttergeld. Nachdem ihr Mann Peter 1978 gestorben ist, sind die ihr im hohen Alter nahestehenden Kinder das große Glück. Dazu zählen auch die Familien ihrer Kinder, 18 Enkelkindern und 15 Urenkel.


  Falko Hahn, Südkurier Pfullendorf, 28.08.2008 nach oben