> Pressespiegel > Bericht: Südkurier, 15. November 2014
 

Als in Walbertsweiler vor 55 Jahren der Kirchturm umstürzte

Zeitzeugen sprechen über Ereignis am 15. November 1959 - 
Einwohner entgehen bei Einsturz knapp einer Katastrophe

Wald-Walbertsweiler -  Für die Älteren aus Walbertsweiler bleibt der Volkstrauertag 1959 ein Schreckenstag. An diesem 15. November stürzte um 20.15 Uhr der 45 Meter hohe Kirchturm der St.-Gallus-Kirche ein. Dabei fiel er der Länge nach über die Dorfstraße in den Pfarrgarten, wobei das Turmkreuz die Türe des Pfarrhauses einschlug und Pfarrer Karl Kreidler zu Tode erschreckte. In den Häusern waren die Lichter ausgegangen, im Fallen hatte der Turm die vom Pfarrhaus zur Volksschule verlaufende Stromleitung abgerissen.

Am Morgen danach wurden im Schutt drei unversehrt gebliebene Glocken ausgegraben, eine kleine aus dem 13. oder 14. Jahrhundert und zwei größere aus dem 16. Jahrhundert. Sie läuteten bereits in der Vorgängerkirche. Jetzt, im Nachdenken über das Geschehen vor 55 Jahre, graust es Georg und Rita Krall, wenn sie beim Geburtstagstreffen mit Georgs Schwestern Maria Restle, Erika Droxner, mit der Schwägerin Silvia Mutschler und ihrem Mann Hans sowie ihre früheren Nachbarin Friedhilde Dorn darüber sprechen. Viele aus ihrer Gemeinde seien damals einer großen Gefahr entronnen, war doch ein Teil des Turms in das Kircheninnere gestürzt. 15 Minuten zuvor sei das Rosenkranzgebet als Gedenken der Kriegsopfer zu Ende gewesen. Ganz anders wird es auch Thea Halmer, als sie mitteilte, dass damals ihre Kinder Bruno und Norbert die Glocken geläutet haben. Die Vibrationen dürften der letzte Auslöser für den Einsturz des Kirchturms gewesen sein.

Wie konnte es zum Einsturz des Turms kommen? Als problematisch galten für Experten die aus der Rengetsweiler Steingrube gehauenen Sandsteine. Sie bilden das Fundament des am 14. Juli 1869 fertig gestellten Kirchenbaus. Auch die im obersten Stockwerk des Turms eingemauerten Tuffsteine wurden als Schwachstelle identifiziert. Zum anderen gab es Vorwürfe, Verantwortliche im Landratsamt Sigmaringen und im erzbischöflichen Ordinariat Freiburg hätten Warnungen der Bürger nicht ernst genommen. Lange schon schauten die Kirchgänger zu den Schalllöchern und dem frühgotischen Fenster mit seinem immer löchriger werdenden Maßwerk hinauf. Tonie Kuhn aus der Heidengasse erinnert sich, wie ihr Mann Eugen bei jeder Vorbeifahrt auf dem Traktor den Kopf eingezogen hat und dachte: „Lang ghot's nimmer und der Kirchturm fällt um und uns auf den Kopf.“ Als ihr Mann am Morgen nach dem Fall des Kirchturms aus dem Schlafzimmerfenster schaute, habe er erschrocken gerufen: „Jo, do ischt jo nimmer der Kirchturm do!“ Wenige Tage vor der Katastrophe, so die Geburtstagsrunde, hätte eine Kommission die Kirche in Augenschein genommen und dabei festgestellt: Der Kirchturm ist keine Gefahr, er stehe fest auf dem Boden. Ein Irrtum, wie die Ereignisse zeigen.

Schon während des Baus der Kirche lief nicht alles glatt. Der mit dem Bau beauftragte Maurermeister Josef Haag aus Sigmaringen entschwand am 22. Juli 1868 heimlich nach Amerika. Die Arbeiten am Kirchturm ruhten in 20 Meter Höhe, auch der Dachstuhl war noch nicht aufgerichtet. Durch eine glückliche Fügung ging es im April 1869 weiter mit den erfahrenen Meistern J. Griesmayer und Franz Deutschmann aus Sigmaringen. So steht es in einer den Bau beschreibenden Urkunde, die nach dem Einsturz aus einer

Als am 15. November 1959 der Turm der Walbertsweiler Kirche umstürzte, bot sich den Bürgern ein Bild der Verwüstung. 
Bilder: Hahn
Diese Postkarte zeigt die St.-Gallus-Kirche.
Pfarrer Karl Kreidler, Otto Müller und Johann Fröhlich (von links) blicken nach dem Einsturz des Kirchturms auf die unversehrt gebliebene Reginaglocke. Gegossen wurde sie bereits im 16. Jahrhundert für eine frühere Walbertsweiler Kirche.

Glasflasche geborgen wurde. Vier Jahre nach dem Einsturz des Kirchturms wurde eine neue Pfarrkirche, im praktischen Stil der 1960er Jahre, vom Freiburger Weihbischof Karl Gnädinger eingeweiht. Kurz zuvor war die nur wenige Meter weg liegende Ruine gesprengt und dem Boden gleichgemacht worden.


 
 

Falko Hahn, Südkurier Pfullendorf, 15.11.2014